Das Schweigen über die Verhältnisse (Rezension)

Im August 2002 übergab Peter Hartz dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder die Vorschläge zur Reform des Arbeitsmarktes. Mittlerweile ist die rot-grüne Agenda 2010 umgesetzt, der Arbeitsmarkt flexibilisiert und der Niedriglohnsektor massiv ausgebaut worden. Das ging zumeist auf Kosten von geringqualifizierten ArbeiterInnen, Angestellten und Sozialleistungsabhängigen, deren Bild in der Öffentlichkeit sich seitdem stets verschlechtert hat. Nicht nur in Deutschland ist dieses Phänomen zu beobachten, sondern nahezu überall, wo der Neoliberalismus deutliche Kerben hinterlassen hat. Der junge Journalist Owen Jones spürt der britischen Variante der »Dämonisierung der Arbeiterklasse« nach.

Sein Buch »Prolls« hat in England für einiges Aufsehen gesorgt, was daran liegen dürfte, dass Jones ohne Umschweife die Interessen der tief verankerten Verachtung für Arbeiter und Arbeiterinnen deutlich macht. Sie sei Erbe einer traditionellen Klientelpolitik der Oberschicht, die insbesondere durch die ehemalige Premierministerin Margaret Thatcher in den 1980 Jahren angeheizt wurde. Hier zeigt sich, was Wilhelm Heitmeyer bezogen auf Deutschland vor einiger Zeit als »Klassenkampf von oben« bezeichnete.

Ausführlich wird von Jones die Rolle der hegemonialen Medien thematisiert, die jahrelang die gleichen Bilder von Unterhemd tragenden und den Sozialstaat austricksenden Sozialempfängern bedienten. Auch hier gibt es deutliche Überschneidungen zu deutschen Zuständen. Insbesondere bei Privatsendern werden – im suggerierten Reality-Format − die Bilder von vermeintlich faulen Arbeitslosen in Endlosschleife wiederholt. Dahingegen gibt es kaum noch Fernsehserien wie »Roseanne«, in denen in empathischer Weise auf die alltägliche Sorgen und Probleme von Arbeiter eingegangen wurde.

Doch es geht Jones nicht darum, den alten Zeiten hinterher zu trauern, in denen Arbeiter und Arbeiterinnen noch einen höheren »Stellenwert« hatten und das Kräfteverhältnis zwischen Arbeit und Kapital ausgeglichener schien. Vielmehr möchte er das Thema »Klasse« einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen, weshalb er sich mit theoretischen Ausführungen weitgehend zurückhält. An den Stellen, an denen er dennoch analytische Bezüge wie zu der Überschneidung zu Rassismus andeutet, wird es bisweilen dünn. Sehr überzeugend ist »Prolls« hingegen an jenen Stellen, an denen der Hintergrund für das negative Bild beschrieben wird. Dabei bleibt Jones nicht auf der Ebene der Skandalisierung. Er lässt in einfühlsamen Reportagen die Betroffenen zu Wort kommen und bietet somit eine andere Realität an.

Der Autor strebt keineswegs nur die soziale Anerkennung der ausgebeuteten Klassen an. Das Buch schließt mit einem Forderungskatalog, der u. a. eine andere Lohnpolitik und bessere Arbeitsbedingungen, die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Förderung von Industrie und ein gerechteres Steuersystem enthält. Man hätte sich hier zusätzlich eine deutliche Formulierung der Eigentumsfrage gewünscht.

»Prolls« zeigt überzeugend auf, dass der Klassen-Begriff weitgehend aus dem Wortschatz verschwunden ist und Klassenpolitik gegen ArbeiterInnen und Sozialleistungsabhängige gemacht wird. Owen Jones, der im Herbst vergangenen Jahres von »nd«-Redakteur Martin Hatzius in diesem Blatt interviewt wurde (siehe »nd« v. 13. Oktober 2012), liefert Ansätze, um das Schweigen über die Verhältnisse zu durchbrechen und wieder eine gemeinsame Sprache zu finden − nicht nur in England und Deutschland.

Owen Jones: Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse. Verlag André Thiele, Mainz. 320 S., geb., 18,90 €.

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Erschienen in Neues Deutschland, 11.4.2013.