Und weiter geht’s (Rezension)

Schon in den 1980er, spätestens 1990er Jahren ist auch in Deutschland etwas zu Grabe getragen worden, das zuvor der Linken als Orientierung diente. Die Rede ist von der Wahrheit. Unter den Sargträgern befanden sich auch einige Poststrukturalisten, etwa Jean-François Lyotard, der in der Trauerrede das Ende der großen Erzählungen und somit das Ende der universellen Erklärungen verkündete. Er ließ keinen Zweifel daran, dass auch ein marxistischer Gesellschaftsentwurf dahinschied. Kaum war die Wahrheit unter der Erde, rankten sich wilde Spekulationen darum, welchen Charakter sie zu Lebzeiten hatte. Bereits während des Leichenschmaus’ war zu hören, die Wahrheit sei ein Tyrann gewesen, die keinen Widerspruch und keine Diskussion zuließ.

In den folgenden Jahren erlosch in weiten Teilen der Linken die Erinnerung an die Wahrheit; übrig blieb eine verzerrte Vorstellung von ihr. Die noch verliebenden Marxisten wurden verdächtigt, einem rückwärtsgewandten, allumfassenden und unumstößlichen Wahrheitsanspruch zu vertreten. Was mal als durchaus berechtigte Kritik an Unantastbarkeit und Kritiklosigkeit begann, wandelte sich zu einem neuen, kritikresistenten Dogma: Es gibt keine Wahrheit.

Doch seit einiger Zeit versuchen sich Linke, etwa Alain Badiou und Slavoj Žižek, wieder an die Wahrheit zu erinnern. In der linken Theoriedebatte wird seither wieder gestritten: um das richtige Entsinnen. Was Wahrheit aus einer materialistischen Perspektive überhaupt meint(e), bleibt indes in den Auseinandersetzungen zumeist unterbelichtet.

Die Soziologin und Philosophin Carolin Amlinger hat sich auf die Suche nach dem vergessenen Wahrheitsbegriff gemacht. Das ist nicht nur verdienstvoll, weil sie damit mehr Sachlichkeit in die Debatte bringt, sondern auch, weil der Terminus in der marxistischen Theorie selten eindeutig gefasst wurde − im Gegensatz zu Ideologiekonzepten, zu denen es Regalkilometer an marxistischen Abhandlungen gibt. Da Ideologien, wie Amlinger ausführt, in einem dialektischen Verhältnis zur Wahrheit stehen, ist es einleuchtend, dass die jeweiligen Ideologiebegriffe entscheidende Ansatzpunkte sind, um sich an Wahrheit zu erinnern.

Die Entfaltung der marxistischen Wahrheitsbegriffe bei den von Amlinger untersuchten Arbeiten von Marx und Engels, Lukács, Adorno und Horkheimer, Althusser und Žižek macht deutlich, dass es sich keineswegs um einheitliche Verständnisse von Wahrheit handelt. In der »Deutschen Ideologie« von Marx und Engels steht die Wahrheit im Gegensatz zum falschen Bewusstsein. Und in den Fetischanalysen im »Kapital« fokussiert Marx dann die Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Ideologie ist Warenfetischismus; wahr sind die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse. Diesen Gedanken nimmt insbesondere die Frankfurter Schule auf, auch wenn Lukács eine andere Perspektive entwirft als Adorno und Horkheimer. Althusser fasst Ideologie wiederum deutlich weiter und sieht sie als ein eigenes Produktionsverhältnis an. Schließlich befasst sich Amlinger mit Žižek, der die gegenwärtige postideologische Ideologie entzaubert.

Die Autorin schafft es eindrucksvoll, die komplexen Ansätze und Begriffe zu verdichten, stellt sie kenntnisreich in Beziehung zueinander und klopft sie hinsichtlich der daraus resultierenden Handlungsoptionen ab. Es ist der Fragestellung und der philosophisch-theoretischen Herangehensweise geschuldet, dass sie dabei manches Mal eine Schleife dreht und auf die für wissenschaftliche Arbeiten üblichen Meta-Erläuterungen zurückgreift. Die in vielen anderen Arbeiten häufig ermüdenden Erläuterungen sind hier angesichts des vergleichsweise schwierigen Gegenstandes allerdings ausnahmsweise hilfreich.

Amlinger hat eine sehr erhellende Arbeit vorgelegt, die sich hervorragend als Einführung in marxistische Ideologie- und Wahrheitstheorie eignet. Aber nicht nur das: Besonders in den ausdrücklich zur Lektüre empfohlenen Fußnoten sowie im kurzen Schlusskapitel stellt sie Bezüge zu aktuellen Diskussionen her, positioniert sich zu diesen weitaus deutlicher als im sonstigen Text und deutet Möglichkeiten einer Ideologiekritik auf Höhe der Zeit an. Durch die Ausdifferenzierung der Ansätze wird klar, dass mit Ideologiekritik nicht eine statische Analyse und Praxis einhergehen oder Wahrheit absolut und unbeweglich gefasst werden muss, wie manche poststrukturalistische Wahrheitskritiker auch heute noch allzu schnell behaupten. Doch warum gänzlich auf Wahrheit verzichten, die Amlinger als »Einsicht in die Strukturprinzipien des Kapitalismus« fasst?

Letztlich hat bei allen Unterschieden eine materialistische Ideologiekritik mit einer im eigentlichen Sinne herrschaftskritischen poststrukturalistischen Diskursanalyse gemein, die tatsächlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse, die die Gesellschaft durchziehen, sichtbar machen zu wollen. Freilich bleibt momentan gerne offen, wohin es gehen soll − geschweige wie dort hin zu gelangen ist. Allein schon deshalb ist es durchaus sinnvoll, Wahrheit und Ideologie wieder auszugraben oder sich zumindest zu erinnern – und sodann zu aktualisieren.

Carolin Amlinger: Die verkehrte Wahrheit. Zum Verhältnis von Ideologie und Wahrheit bei Marx/Engels, Lukács, Adorno/Horkheimer, Althusser und Žižek. Laika Verlag, Hamburg 2014. 192 S., br., 19,90 €.

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Erschienen in Neues Deutschland, 12.12.2014.