Saufen und Amore: Der Hype um die österreichische Schlagerrockband Wanda

Sie nennen ihre Musik »Pop mit Amore« und gelten als die Vertreter der neuen Generation des Austropops: Wanda, eine junge Band aus Wien, die momentan nicht nur in Österreich für Aufsehen sorgt. Benannt haben sich die fünf Männer nach Wanda Gertrude Kuchwalek. Die »Wilde Wanda« war eine Zuhälterin, eine Kultfigur im Wien der 1970er und 1980er Jahre.

Kultstatus in der Stadt an der Donau erlangte die Band bereits im vergangenen Jahr mit ihrem Song »Bologna«, der von dem Wunsch nach einem sexuellen Abenteuer mit der eigenen Cousine handelt. Im Video kommen sich eine Frau mit Strohhut und ein Mann mit Hosenträger in der italienischen Stadt näher. Die beiden sehen aus, als seien sie einem Film aus den 1960er Jahren entsprungen. … Mehr lesen

Fett, faul, fernsehsüchtig: Das Arbeitslosenstereotyp in den Medien und seine Funktion

Wer ist Schuld an der Arbeitslosigkeit? Die Arbeitslosen natürlich! Diese Idee hat eine lange Tradition in Deutschland, regelmäßig holen PolitikerInnen sie aus der Mottenkiste. Doch ist sie nicht nur Ablenkungsmanöver im Vorwahlkampf, sondern oft genug Anlass für den Umbau des Sozialstaats im Sine des Kapitals.

Was ist eigentlich ein Arbeitsloser für ein Mensch? Glaubt man den Bildnern der Unterschichtskultur sind die meisten Arbeitslosen faul, ungepflegt, unrasiert, ungewaschen, ungekämmt, tragen die vor allem Unterhemden, schauen unentwegt Trash-TV, konsumieren literweise Bier und kiloweise Chips, sind entsprechend übergewichtig, leben in Problembezirken und sind sexuell verwahrlost. Kurzum: Arbeitslose machen den lieben langen Tag nichts sinnvolles − und das auf Kosten anderer. Die Aufzählung mag überzeichnet sein, aber all die genannten Eigenschaften kursieren seit Jahren, wenn in der Öffentlichkeit von der «Neuen Unterschicht» die Rede ist. Nicht nur in Boulevardblättern, auch «Qualitätsmedien» und wissenschaftliche Journals zeichnen seit Jahren an diesem Bild von Erwerbslosen. Das Arbeitslosenstereotyp vereinheitlicht Erwerbslose und wirft ihnen vor, auf Kosten anderer zu leben. Fataler Effekt: Um sich dem Verdacht zu entziehen, müssen sich Erwerbslose als besonders fleißig und arbeitswillig präsentieren und sich als «würdige Arbeitslose« von den «unwürdigen» abheben. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit fand in einer Studie aus dem Jahr 2014 heraus, dass viele Erwerbslose die Prämissen des Unterschichtendiskurses selbst verinnerlicht haben. … Mehr lesen

»Nur scheinbar progressiv« (Rezension)

Es gibt Bücher, die das Bestehende so schwer angreifen, dass es in sich zusammenstürzt und daraus etwas Neues entsteht. Einige halten das Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty für ein solches. Es ist jetzt in einer deutscher Fassung erschienen und hat die seit Anfang des Jahres laufende Diskussion um das über 800 Seiten dicke Werk in Deutschland neu angeheizt. Das Aufsehen ist beachtlich, dafür dass die Kernthese der Studie doch alles andere als außergewöhnlich ist. Piketty betrachtet das Verhältnis von Vermögen und Einkommen in den vergangenen Jahrhunderten und arbeitet heraus, dass seit den 1970er Jahren in den ehemaligen Industrienationen die Einkommen insgesamt langsamer wachsen als die Vermögen, die ihrerseits so ungleich verteilt sind wie zuletzt vor etwa 100 Jahren. Kurz gesagt, beweist Piketty, was vielfach − wenn auch nicht in der Größenordnung − belegt ist und selbst hartgesottene Neoliberale kaum noch leugnen können: Die Ungleichheit wächst.

Unter den Dutzenden Begleitbüchern, die parallel zur Veröffentlichung der deutschen Übersetzung erschienen sind, sticht eines besonders hervor. Der Wirtschaftsjournalist Stephan Kaufmann und der Politikwissenschaftler Ingo Stützle haben sich aus einer marxistischen Perspektive mit dem Bestseller auseinandergesetzt. Für diejenigen, die keine Zeit oder Lust haben, sich den 800 Seiten von Piketty sowie der noch umfangreicheren anschließenden Debatte en detail zu widmen, ist »Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre« eine echte Entlastung. Auf weniger als 100 Seiten fassen die Autoren zunächst prägnant und verständlich die These des französischen Ökonomen zusammen und stellen die Mediendebatte sowie die wichtigsten der bisher vorgetragenen Kritiken vor. Dabei gehen sie auch der Frage nach, warum das Buch ein solch durchschlagender Erfolg werden konnte. Der sei nicht nur auf gutes Timing, Charisma des VWL-Newcomers und eine leicht verständliche einprägsame Formel zurückzuführen, sondern rühre vor allem aus dem Umstand, dass Piketty die bestehende Wirtschaftsform zwar angreife, aber an keiner Stelle antikapitalistisch argumentiert. Damit finde die »konstruktive Kapitalismuskritik« Anschluss an den herrschenden Krisendiskurs.

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Ideologische Klammer (Rezension)

Selbst der Urahn des Neoliberalismus, Friedrich August von Hayek, wußte genau, daß individueller Einsatz keineswegs zwangsläufig Früchte trägt. Bemerkenswert deutlich beschreibt Hayek im zweiten Band seines Hauptwerks »Recht, Gesetzgebung und Freiheit« (1979) das Dilemma, »bis zu welchem Ausmaß wir in jungen Menschen den Glauben bestärken sollten, daß sie Erfolg haben, wenn sie es wirklich versuchen, oder eher betonen sollten, daß unvermeidlich einige, die es nicht verdienen, Erfolg haben und einige, die ihn verdienten, scheitern werden«. Zur Leistungsideologie ist somit alles gesagt, könnte man meinen. Doch trotz ihrer offensichtlichen Defizite hält sie sich beständig und funktioniert als ideologische Klammer, die die Klassengesellschaft zusammenhält. Mit dieser Klammerfunktion hat sich Lars Distelhorst in dem gerade erschienenen Essay »Leistung. Das Endstadium der Ideologie« auseinandergesetzt.

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