Die rosarote 
Brille gehört 
zertrümmert: Es gibt keine richtige Liebe im falschen Kapitalismus

Es gibt Texte, die können nur in speziellen Verfassungen entstehen. Mitreißende Beschreibungen von Revolutionen werden nicht in Zeiten der Reaktion verfasst. Bewegende Beschreibungen des Verlusts eines nahen Menschen zu verfassen, bedarf entsprechender Empfindung; schmachtende Liebesgedichte in einer Phase der Gefühlslosigkeit zu reimen, dürfte kaum gelingen. Wann ist es am besten, über Liebe zu schreiben? Vielleicht ist die Sicht klarer, wenn die rosarote Brille zertrümmert in der Ecke liegt und die Pupillen nicht durch hormonell bedingte Euphorie erweitert sind. Blicken wir also mit Verdruss auf die Liebe im Kapitalismus.

Je unsicherer die Zeiten, je prekärer die eigene Existenz erscheint, desto mehr scheinen sich die Menschen nach dem zu sehnen, was gemeinhin als Liebe bezeichnet wird. Das, was die Menschen suchen, ist jene Solidarität, die ihnen die Gesellschaft im Kapitalismus nicht bieten kann. Die Hoffnung, in der Zweisamkeit die Einsamkeit zu überwinden, ist nachvollziehbar. Doch es ist ein nicht einlösbares Versprechen, das uns die Liebe gibt: Das Konkurrenzdenken und die Ideologie des Individualismus, jene harmonisch klingende Begleitmusik zum alltäglichen Schrecken des Kapitalismus, machen nicht Halt vor den persönlichen Beziehungen.

Schon in den 1920er Jahren schrieb die feministische Marxistin Alexandra Kollontai, dass das Besitzdenken, die Exklusivität und der Egoismus sich ins Verhalten und ins Bewusstsein der Menschen eingeprägt haben. Sie bestimmen die Handlungen, das Denken. Warum sollten wir auch überall die Ellbogen gegen alles um uns herum ausfahren − und dann plötzlich in einer Liebesbeziehung alles, was wir seit unserer Kindheit gelernt haben, vergessen? Wie soll geliebt, in tiefer gegenseitiger Solidarität und Feinfühligkeit das Gefühl der Verbundenheit empfunden werden, wenn wir gar nicht wissen, was das ist?

Und dennoch suchen so viele obsessiv nach der richtigen Liebe im falschen Kapitalismus. Kaum ein Roman, ein Film, ein Theaterstück, ein Song, der ohne das Motiv Liebe auskommt. Die Suche nach der oder dem Richtigen, dem Deckel auf den Topf, der starken und zärtlichen Hand, die einen drückt, der einzig wahren Liebe im Leben, dürfte die prägendste aller derzeitigen Ideologien sein. Die Erklärung der Liebe zum Lebenssinn lenkt davon ab, sich zu fragen, was das überhaupt für ein System ist, das einen stets anpeitscht, dem Glück hinterher zu rennen, obwohl es nie erreicht werden kann.

Doch die Liebe macht nicht nur unsichtbar, was sich neben ihr noch abspielt, sondern auch, wie Ungleichheit in ihr selbst angelegt ist: In Zeiten, in denen die Reproduktion der Arbeitskraft ins Private ausgelagert wurde, sind es vor allem Frauen gewesen, die die Sorgearbeit leist(et)en. So waren die Liebesbeziehungen in der Familie Mustermann in Zeiten des biederen, westdeutschen rheinischen Kapitalismus klar strukturiert: Die Ehemänner profitieren in Form von längerer Freizeit, weil sie sich nicht um die lästige Reproduktionstätigkeit kümmern mussten, die gütigen Ehefrauen legitimierten ihre materielle Abhängigkeit im System des männlicher Ernährermodells mit der Liebe.

Die wahre romantische Liebe, die, mit Kollontai gesprochen, »zur Verfeinerung der menschlichen Psyche, zur Bereicherung der Seele, dem Gefühl der kameradschaftlichen Solidarität, zu höherem Gemeinschaftsleben« beitragen kann, geht nur ohne Eifersucht, Besitzdenken und Versorgungspflichten. Diese Liebe ist schwer möglich, wenn die Partnerschaft im Wesentlichen die Funktion des Schutzes vor der von Menschen gemachten, von Konkurrenz geprägten Gesellschaft hat.

Das gilt auch im hippen, gesamtdeutschen Neoliberalismus, in dem sich die Liebesbeziehungen ausdifferenziert haben und Sex von Liebe mehr als zuvor getrennt wird. Manche versuchen es mit Polyamorie, einer offenen Beziehung und verwechseln dabei allzu gerne freie Liebe mit der Möglichkeit der unverbindlichen Ausübung eines physiologischen Aktes. Doch auch die zur Schau gestellte vermeintliche Befreiung von Besitzdenken und Eifersucht findet nicht vor einer weißen Wand statt, sondern vor dem Hintergrund eines Kapitalismus, der Flexibilität und Individualismus zum Leitmotiv gemacht hat.

Es ist die perfekte Form, um sich immerzu alles offen zu halten. Die Wahlsprüche lauten: »Y.O.L.O.«, »You Only Live Once«, du lebst nur einmal! Darum nutze unbedingt alle Chancen, die sich dir bieten! Bleib’ niemals stehen, du könntest etwas verpassen! Die im flexiblen Kapitalismus stetige Suche nach dem Besten vom Besten wird hier auf die Spitze getrieben: Wenn jemand besser kocht, philosophiert oder besser im Bett ist, kann er oder sie die Person, die gerade die Funktion ausfüllt, schnell ersetzen. Noch ein Vorteil: Man muss nie so ganz Schluss machen, sondern kann je nach Bedarf oder eigener Lage auf dem Markt die Cook-, Book- oder Fuckbuddies reaktivieren; je nachdem, wie es gerade mit den anderen Optionen aussieht.

Das Management der verschiedenen Beziehungen und Teilbereichsbuddies kostet Zeit, manchmal so viel, dass die Beteiligten vor lauter individueller Befreiung die gesamtgesellschaftliche vergessen. Erschwerend kommt hinzu, dass der derzeitige Kapitalismus nicht nur von angeblicher Freiheit und Zügellosigkeit geprägt ist, sondern auch Unsicherheit schafft und weiterhin Versorgungszwänge birgt: Befristete, niedrig entlohnte und von mangelnder rechtlicher Absicherung geprägte Lohnarbeit wird für mehr und mehr Menschen zum Normalfall − vor allem für diejenigen, die heute zwischen 20 und 40 Jahre alt sind.

Das wärmende Gefühl sozialer Sicherheit, das zumindest ihren Eltern noch vorgegaukelt wurde, wich einer klammen Abstiegsangst. Die Zeiten des »abgefederten Kapitalismus«, der einen Fahrstuhl nach oben für alle predigte, sind endgültig vorbei. Der derzeitige flexible Kapitalismus ist auch ein Krisenkapitalismus, von dem man sich nichts mehr erhofft, sondern der einen stets mit dem sozialen Abstieg bedroht.

Es ist ein Kapitalismus, der mehr als zuvor die Ungleichheit zum Antrieb macht und die Solidarität ganz offen verachtet. So befindet sich der Mensch im Neoliberalismus in einem ständigen Zwiespalt. Die Unsicherheit, die er verursacht, möchte man kanalisieren, möchte neobürgerlich mit Hirschgeweih im Wohnzimmer und Gartenzwerg im hippen »urban garden« mit drei Kindern, Vollbart und Strickpullover leben.

Gleichzeitig möchte man schlafen, mit wem man will, tun, auf was man gerade so Bock hat. Einfach alles haben: Samstagnacht vollgekokst im Berliner Szeneklub »Berghain« wild feiern, heftig mit den Armen flattern, ungezügelt auf dem Klo ficken und am Sonntag gemütlich einen warmen Tee trinken, ein bisschen mit der Partnerin oder dem Partner unter der Kuscheldecke turteln und abends »Tatort« glotzen. Die Wünsche nach Feiern, Flattern und Ficken sind mit denen nach Tee, Turteln und Tatort nicht immer leicht zu vereinbaren.

Ist die (offene) Beziehung mal am Ende, zerbrechen sich Menschen den Kopf darüber, warum es nicht geklappt hat. Was war falsch? Die eigene Unvollkommenheit, das Aussehen, die Charakterlosigkeit, die Antriebslosigkeit, die Traurigkeit, die Aufgeschlossenheit, die Angst, die Sorglosigkeit, das Entrücken, das Zerdrücken, das Feuer, die Kälte? Auch die vernünftigsten GenossInnen glotzen nach dem letzten Akt der Beziehung auf den gefallenen Vorhang und betrachten nur die oberflächliche Handlung des zurückliegenden Stückes.

Und doch gibt es die Beziehungen, in denen wirkliche Liebe gelebt zu werden scheint. Dies ist aber nicht mehr als eine Oase, eine Form des Eskapismus. Häufig ist es ein unmögliches Unterfangen, die materiellen Verhältnisse, die verinnerlichten Ideologien, das Erlernte vor der Liebe zu verbergen. Früher oder später kommt alles raus: Kontrollzwang, Besitzdenken, Unaufrichtigkeit. Es mag einigen gelingen, den Scherbenhaufen gemeinsam zu beseitigen, doch meist werden die Scherben einfach aufgeteilt und verschiedene Wege eingeschlagen: ob nun als offizielle Trennung oder heimlich, still und leise oder niemals endend, weil das Leben zu zweit zwar beschissen, alleine aber unerträglich ist.

So müssen wir feststellen: Im Hier und Jetzt hat es die wahre Liebe schwer. Vielleicht ist sie erst möglich, wenn die Ketten abgelegt sind, wenn die Menschheit anderes erlernt und die Wärme die Kälte verdrängt hat.

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Erschienen in Neues Deutschland, 19.12.2015.