Fast eine Karikatur. Den Arsch in Bewegung halten: Gunter Gabriel machte auf Malocher, Sünder und Truppenbetreuer

Es war mal wieder so ein Gunter-Gabriel-Moment. Im Januar 2007 saß er in einer Freitagabend-Talkshow und berichtete über seine Schulden. Plötzlich hielt er einen Zettel mit seiner Handynummer in die Kamera und forderte die Zuschauer auf, ihn zu buchen – für 1.000 Euro pro Abend. Das war der Beginn seiner Comeback-Tour, durch die Wohnzimmer seiner Fans. Nach zwei Jahren hatte er tatsächlich 500.000 Euro beisammen.

Seine Karriere begann Anfang der siebziger Jahre. Gabriel präsentierte sich als der Sänger der Malocher − zu einer Zeit, in der die Leistungsideologie noch funktionierte. Die ehrlichen Arbeiter waren noch so bescheiden wie das SPD-Parteiprogramm, hatten zu Hause eine hübsche Frau, ein paar (hoffentlich nicht zu gammlige) Kinder und genug Kohle, um einmal im Jahr in den Urlaub zu fahren − und sich auch mal ordentlich einen reinzuschütten.

Es war die auch eine Zeit, in der sich selbst die Reformisten darüber im klaren waren, dass bessere Arbeitsbedingungen nicht durch gewaltfreie Kommunikation erkämpft werden können. In diese Zeit pflanzte Gabriel seinen bekanntesten Song: »Hey Boss, ich brauche mehr Geld!« Freilich, der Bruno, um den es in dem Song ging, war kein Klassenkämpfer, der gemeinsame Kampf mit seinen Kolleginnen und Kollegen lag ihm fern. Er wollte nicht streiken, sondern die Sache mit dem Geld von Mann zu Mann klären.

Tatsächlich machte der Erfolg Gunter Gabriel reich. Er kam aus einfachen Verhältnissen, als Günter Caspelherr geboren am 11. Juni 1942 im Teutoburger Wald. Er wuchs bei seinem Vater auf, die Mutter war früh gestorben, die Erziehung alles andere als liebevoll. Caspelherr brach die Schule ab, wurde Maschinenschlosser, holte später das Fachabitur nach und studierte Maschinenbau in Hannover. Lust auf das Studium hatte er nicht, aber auf Musik. Er legte Platten auf, fing bei einer Plattenfirma an und begann Songs zu schreiben – für Rex Gildo, Frank Zander und viele andere. Er schrieb auch Songs für sich und nannte sich Gunter Gabriel. Der neue Nachname war aus dem Vornamen seiner ersten Ehefrau abgeleitet.

Seine Songs kamen eher von der Stange. Viele waren schnell zusammengeschriebene deutsche Interpretationen englischer Titel. Sie waren schnörkellos − und auch kalkuliert. Denn »Gunter Gabriel« war eine so grobschlächtige Figur, dass sie fast wie eine Karikatur auf den hypermaskulinen, konservativen Arbeiter wirkte. Einer, der die ganze Zeit von der ehrlichen Arbeit quatscht, mehrfach heiratet, gerne mit seinen Seitensprüngen kokettiert, auch mal seine aktuelle Frau schlägt − und später alles auf den Alkohol schiebt. Doch der reale Gabriel konnte auch anders. Zur selben Zeit schrieb er Songs für Sängerinnen, die so gar nicht in das Machoimage passen. Sozusagen als Begleitmusik zur wachsenden Frauenbewegung ging es um starke Frauen, die sich widersetzen. Den bekannteste Titel sang Juliane Werding: »Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst / Du hast ein leichtes Spiel / Doch ich weiß, was ich will / Drum lach’ nur über mich / Denn am Ende lache ich über dich«.

Das Gespür, was gerade ankommt und wo es vielleicht eine Marktlücke zu schließen gibt, hatte Gabriel auch Mitte der Nullerjahre. Die Bundeswehr führte wieder Krieg, und Gabriel sang für die angeblich einfachen Soldaten im Auslandseinsatz affirmative Songs wie »Haus im Kosovo«, eine Adaption von »House of the Rising Sun«: »Es steht ein Haus im Kosovo / das ist zerbombt und leer / doch die Jungs aus Good Old Germany / die richten es wieder her!«

Im modernen Kapitalismus der sogenannten Märkte und Datenströme, wo der »Boss« nicht mehr so richtig greif- und sichtbar ist, repräsentierte Gabriel die Männer, die sich auf ihr Geschlecht, ihr Vaterland und ihren letzten Funken Arbeiterstolz zurückzogen. Dafür holte er seine alberne schwarz-rot-goldene Gitarre raus. Oder er trat nach unten, denn der Underdog-Sänger sang keinesfalls für alle »kleinen Leute«. So beschimpfte er im September 2004 in Eisleben sein Publikum in Ostdeutschland, das etwas verschnupft reagierte, weil er zu seinem eigenen Konzert zu spät gekommen war: »Ihr habt ja so viel Zeit, sonst wärt ihr nicht am Nachmittag schon hier. Ich hab leider keine Zeit, ich muss meinen Arsch immer in Bewegung halten, damit die Knete stimmt!« Diesen Auftritt hat DJ Koze zu einem süffisanten Lied verarbeitet, und Gabriel hat es gegenüber der jungen Welt in einem überbordenden Interview auch kommentiert (»Arschlecken, Arschlecken, Arschlecken«).

Bis zum Schluss sorgte Gabriel stetig für Schlagzeilen. Durch seine Wohnzimmerkonzerte finanziell stabilisiert, gab er medial gerne den bescheidenen reuigen Sünder. Oder einen Sänger, der glaubte, der deutsche Johnny Cash zu sein, wenn er den echten hemmungslos kopierte. Er wollte ein »Sohn aus dem Volk« sein, immer aber war er Sohn seiner Zeit. Er starb am 22. Juni an den Folgen eines Treppensturzes.

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Erschienen in Junge Welt, 24.06.2017.