Fremdenfeinde haben viele Facetten: Rassisten sind längst nicht nur dumpf und prollig auf der Straße anzutreffen, sondern auch in der Politik und den Behörden

Seit Wochen gehen in Freital Neonazis, Hooligans und besorgte Normal-Rassisten gegen eine Flüchtlingsunterkunft auf die Straße. Auf den Kundgebungen der Flüchtlingsgegner sind unverhohlene »Ausländer raus«-Rufe zu vernehmen, und es wurden in der sächsischen Kleinstadt bereits Flüchtlinge von herumziehenden Neonazis verprügelt. Auch auf einer Bürgerversammlung, die am vergangenen Montag stattfand, gab es Anwesenden zufolge tumultartige Szenen. Diejenigen, die für Empathie mit den Flüchtlingen warben, wurden niedergebrüllt, während es immer wieder großen Applaus für Heimgegner gab.

So richten mittlerweile Dutzende Fernsehteams ihre Kameras auf das ehemalige Hotel, in dem 280 Flüchtlinge untergebracht sind. Journalisten schrieben bereits vorab von einer Pogromstimmung und verglichen Freital mit Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, jene Orte, die sich als Sinnbilder für den aufkeimenden militanten Rassismus zu Beginn der 1990er Jahre in das bundesdeutsche Gedächtnis einbrannten. Der Vergleich hinkt bisher noch − zum Glück. Aktivisten vor Ort berichten von etwa 50 bis 100 Freitalern, die sich an den Protesten beteiligten. Der wesentliche Unterschied: Es gibt in Freital auch eine beträchtliche Anzahl entschlossener, aktiver Unterstützer der Flüchtlinge. Warum aber funktioniert der Vergleich dennoch, trotz einer anderen Ausgangslage?

Ins Gedächtnis haben sich nicht nur Städte der ehemaligen DDR festgesetzt, sondern auch Attribute, die den Rassismus beschreiben: dumm, ungebildet, hässlich − und ostdeutsch. Die Bilder der Kundgebung der Heimgegner in Freital scheinen wieder einmal zu bestätigen, dass der typische deutsche Mustermann-Rassist ein ungehobelter ostdeutscher Proll ist. Eine solche Verengung spielt einem falschen Rassismus-Verständnis in die Karten. Rassismus lässt sich nicht auf individuelle Vorurteile reduzieren und hat nur bedingt etwas mit Dummheit oder mangelnder Bildung zu tun. Vielmehr strukturiert Rassismus den Alltag, die Institutionen, den Arbeitsmarkt, hierarchisiert weit über Freital hinaus Menschen und reguliert damit den Zugang zu Ressourcen. All das droht aus dem Blick zu geraten, fokussiert man lediglich die eindringlichen Vertreter der stumpfesten Form des Rassismus, die gerade in Freital Gesicht zeigen.

Dabei hat der hiesige Rassismus noch ganz andere Gesichter. Da ist zum einen der gerade gewählte Freitaler Oberbürgermeister Uwe Rumberg (CDU) hervorzuheben, der sich um das Image der Stadt sorgt − und im Wahlkampf »Sanktionen gegen pöbelnde und gewalttätige Asylbewerber« forderte. Da sind zum anderen die Bundesinnenminister der vergangenen Jahre, die nicht müde werden, mal polternd-markig, mal abwägend-sachlich, zwischen den nützlichen und nutzlosen Fremden zu differenzieren. Und da sind diverse rassistische Mobilisierungen, die ganz zivilisiert und kultiviert gegen geplante oder bereits eröffnete Flüchtlingsunterkünfte vorgehen. So suchten sich vor gut einem Jahr im Reichenghetto Hattenbühl am Stuttgarter Stadtrand Gegner einer Flüchtlingsunterkunft Hilfe bei einer renommierten Anwaltskanzlei. Das geplante Heim verstoße gegen gültiges Baurecht und würde für die Grundbesitzer erhebliche Nachteile bedeuten, schrieb die Kanzlei an den Stuttgarter Oberbürgermeister. In Hamburg-Bergedorf sorgten sich vor kurzem Anwohner plötzlich um eine seltene Schneckenart, die zierliche Tellerschnecke. Die Existenz der Schnecke sei durch geplante Container für Flüchtlinge gefährdet, so das Argument. Ob nun stumpf und schlicht oder eloquent und beflissen, das gewünschte Ergebnis ist dasselbe: Flüchtlinge in der eigenen Nachbarschaft verhindern.Nun macht es für den Alltag der Flüchtlinge einen Unterschied, ob sie sich aus Angst vor einer Prügelei oder Schlimmerem nicht auf die Straße trauen oder ob sich in den Rathäusern über das Schutzbedürfnis von Schnecken unterhalten wird. Dennoch reicht es nicht aus, sich nur die besonders hässlichen wie gewalttätigen Fratzen des Rassismus in Deutschland anzusehen.

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Erschienen in Neues Deutschland, 11.07.2015.