Ungleichheiten im Wandel (Rezension)

Nicht erst im Zuge der Auseinandersetzungen um die Krise in Europa avancierte soziale Ungleichheit zum zentralen gesellschaftspolitischen Thema in Deutschland. Bereits die Umsetzung der rot-grünen Agenda 2010 und der Umbau zum neosozialen Sozialstaat gingen einher mit einer starken medialen Auseinandersetzung um Armut und Unsicherheit. Während im Sommer 2004 Hunderttausende gegen die Hartz-Reformen demonstrierten, nahm die Debatte um »Neue Unterschicht« an Fahrt auf. Es war das Jahr, in dem mit »Generation Reform« des konservativen Philosophen Paul Nolte das Opus Magnum des Unterschichtsdiskurses erschien und Forderungen in Richtung der sozial Marginalisierten gestellt wurden, sich an der »bürgerlichen Leitkultur« zu orientieren. Damit wurde ein Grundstein für die Verlagerung der Gründe sozialer Ungleichheit auf eine vermeintliche Kultur der Leistungsverweigerung gelegt.

Seitdem erschienen einige umfangreiche Arbeiten zur Kulturalisierung und Biologisierung des Sozialen, die aber in erster Linie die Negativzuschreibungen von armen Menschen und unsicher Beschäftigten kritisch in den Blick nahmen. Doch es ging und geht keinesfalls nur um eine »faule Unterschicht«, sondern spätestens seit 2006 geraten auch hochqualifizierte Akademiker_innen, die sich von Praktikum zu Praktikum hangeln, ins mediale Rampenlicht. Es lässt sich vermuten, dass Hochqualifizierte und Niedrigqualifizierte, Langzeitarbeitslose und junge Akademiker_innen ausgesprochen unterschiedlich dargestellt werden − und den Repräsentationen uneinheitliche Deutungen für Ursachen und Bewältigungsmöglichkeiten sozialer Ungleichheiten zu Grunde liegen. Sollte dem so sein, ließe sich der Diskurs als Feld bestimmen, auf dem sich ein Deutungskampf um die Legitimation und Problematisierung sozialer Ungleichheit abspielt.

Genau hier setzt die 2013 erschienene Dissertation der Soziologin Magdalena Freudenschuss an. Sie untersucht in »Prekär ist wer« den öffentlichen Prekarisierungsdiskurs als Arena sozialer Kämpfe und fragt, wie anhand der diskursiven Auseinandersetzung um die Deutungshoheit über Prekarisierung/Prekarität bzw. prekäre/prekarisierte Arbeit die soziale Wirklichkeit über soziale Ungleichheit im Kontext des Wandels entworfen wird. Den öffentlichen bzw. medialen Diskurs entwirft sie als »zentrale[n] Raum hegemonialisierender Prozesse und damit auch sozialer Konflikte« (13). Dementsprechend geht es ihr nicht um eine bloße Darstellung des Diskurses, sondern um die Bruchlinien und Widersprüchlichkeiten, die Schlüssel für die Frage nach der Legitimation, Festigung, Kritikmöglichkeit und Herausforderung bestehender sozialer Ungleichheiten sein können. Das Aufkommen der medialen Auseinandersetzung mit Prekarität bietet sich zur Analyse der Deutung sozialer Veränderungen bestens an, da mit Aufkommen der Prekaritäts-Begriffe im öffentlichen Diskurs im Jahr 2006 bisweilen sehr unterschiedliche Phänomene sozialer Ungleichheit gefasst wurden.

Ihre Untersuchung setzt mit einer Analyse des Spezialdiskurses zu Prekarität/Prekarisierung an, bei der sie zwischen einem bewegungsorientierten und einem arbeitssoziologischen Diskursstrang unterscheidet. Zu ersterem zählt sie sowohl regulationstheoretische Ansätze als auch diejenigen, die sich in Tradition des italienischen Operaismus sehen. Die Wissensproduktionen von Michael Hardt, Antonio Negri, Paolo Virno, Chantal Mouffe, Ernesto Laclau u.a. dienten in erster Linie der Selbstverständigung und der Mobilisierung bzw. der gesellschaftstheoretischen Rückbindung von Protesten. Dezidierter um das Feld der Arbeit sowie um die Subjektivierung von Arbeit gehe es u.a. in Ansätzen von Pierre Bourdieu, Robert Castel, Klaus Dörre. Freudenschuss macht zwischen beiden Strängen eine Rezeptionssperre aus (32), obgleich es viele Verbindungslinien zwischen beiden gebe. Sie appelliert, die Rezeptionssperre zu überwinden und schlägt als Brückenköpfe feministische, postkoloniale und gouvernementalitätstheoretische Argumentationen zu Prekarität und Prekarisierung vor. So könnte Prekarisierung als mehrdimensionales Phänomen gefasst, Subjekte auf der Struktur- und Repräsentationsebene diskutiert und herrschaftskritische Perspektiven, die in beiden Strängen vorhanden seien, notwendig erweitert werden. Dieses Kapitel verdichtet sehr profund die wesentlichen Ansätze zu Prekarität/Prekarisierung der letzten Jahre aus kritischer Wissenschaft und Praxis, wobei sie die analytische Trennung in die beiden Stränge im weiteren Verlauf kaum noch aufgreift. Es bleibt zudem unklar, warum die theoretischen und methdologischen Perspektiven sowie der methodische Zugriff erst in Folge dieses Kapitels erläutert werden, wenn dies schon Teil der Untersuchung sein soll.

Freudenschuss analysiert ihr Material aus einem sozial-konstruktivistischen Standpunkt, den sie machttheoretisch und poststrukturalistisch informiert. Dabei spielt Antonio Gramsci eine bedeutende Rolle, an dessen Hegemoniebegriff sie sich orientiert. Ihr Diskursverständnis lehnt sie an Reiner Keller an, welcher Foucault mit der Wissenssoziologie von Peter L. Berger und Thomas Luckmann verbindet. Entsprechend fasst sie »den öffentlichen Diskurs als einen Diskurs, über den maßgeblich Alltagswissen generiert wird« (90). Die Verbindung von Gramsci mit Foucault wird deutlich: »Diskurs ist nicht nur ein Ort hegemonialen Ringens um die Vorherrschaft über das Denken und damit auch die Konstruktion gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern selbst Macht und Gegenstand des Ringens« (92). Mit Laclau/Mouffe sucht sie nach den Knotenpunkten, welche »umstrittene Momente und gleichzeitig Verdichtungen von Macht« (89) im öffentlichen Diskurs darstellen − und die sie in der medialen Konstruktion von Subjekten gefunden hat. Konsequenterweise fasst Freudenschuss die durch den Diskurs Adressierten − poststrukturalistisch gewendet − nicht nur als angerufen im Sinne Althussers, sondern mit Michel Foucault und Judith Butler als mit durch den Diskurs hervorgebracht. Subjekt entwirft sie demgemäß »als unterworfenes und als aktives, Macht ausübendes und zur Selbstführung fähiges Subjekt« (105). Durch ihre Fokussierung auf den öffentlichen Diskurs konzentriert sie sich in ihrer Analyse auf die Subjektformierungen, während das konkrete der Tun der Angerufenen, also die Subjektivierungsweisen, außen vor bleiben. Ein weiterer theoretischer Bezugspunkt ist Intersektionalität/Interdependenz. Solcherlei Ansätze zeigten, »dass verschiedene Herrschaftsdimensionen und die sie stützenden Kategorisierungen nicht unabhängig voneinander funktionieren, sondern ineinander greifen und letztlich nur analytisch trennbar sind« (108). Ihre intersektionalitäts- und interdependenztheoretische Verortung fällt im Vergleich zu den anderen Erläuterungen sehr knapp aus, obwohl sich Intersektionalität in der weiteren Analyse als wesentlicher Analyserahmen herauskristallisiert. Die sehr kurze Auseinandersetzung überrascht umso mehr, da es sich hier zugleich um ihre zentrale gesellschaftstheoretische Einordnung handelt.

An ihre insgesamt schlüssige und gut strukturierte Darstellung theoretischer Ausgangspunkte schließt eine überzeugende Klärung der Methodologie und Methodik an. Hier klärt sie auch, dass sie für den Diskurs um Prekarität, Prekarisierung, prekäre bzw. prekarisierte »Prek« als Platzhalter fasst. Um sich der Fülle an Material zu nähern, greift sie auf Ansätze aus der Grounded Theory zurück, was sie plausibel theoretisch rückbindet. Mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und der tageszeitung (taz) sowie den österreichischen Zeitungen Die Presse und Der Standard wählte sie Tageszeitungen, die im Kern das hegemoniale Spektrum von konservativ bis (links-)liberal abbilden. Gemäß des Untersuchungszeitraums (Anfang 2006 bis Mitte 2008) erfasst sie 581 Texte, die sie zunächst einer Grobanalyse unterzog, bevor sie in der Feinanalyse Textserien erstellte. Im Zuge der Darlegung ihrer Analyseperspektiven und -konzepte kommt Freudenschuss nochmals auf den Begriff des Knotenpunkts nach Laclau/Mouffe zurück. Sie nimmt vorweg, dass ihr in der Analyse vier Subjektentwürfe als Knotenpunkt des diskursiven Arrangements auffielen. Diese vier diskursiven Figuren sind schon ein erstes starkes Ergebnis ihrer Studie. Sie präzisiert entsprechend ihr Forschungsinteresse, da es darum geht, »wie in den Prek-Begriffen die einzelnen Komponenten mit der zentralen Komponente der Subjektentwürfe vernäht werden, welche Arrangements sich daraus ergeben und auch, welche Äquivalenzsetzungen versucht werden. Jedes diskursive Arrangement geht insofern von einer der vier zentralen diskursiven Figuren aus, die ich in der Analyse herausarbeite« (143).

Die Darstellung der vier zentralen Diskursfiguren findet sich im ersten der drei Kapitel, in denen Freudenschuss die Ergebnisse ihrer empirischen Analyse darstellt. Die Subjektentwürfe umfassen »[n]iedrigqualifizierte prekär Beschäftigte, hochqualifizierte Prekäre, das Prekariat als Unterschicht und das uneindeutige prekarisierte Subjekt« (166). Freudenschuss nähert sich neben den Subjektfiguren über drei weiteren Achsen dem Material: eine zeitlich/thematische, eine räumliche und eine zu den Sprechendenpositionen. Zeitlich/thematisch lässt sich 2006 als ein entscheidendes Jahr für den Prek-Diskurs bestimmen. Proteste in Frankreich gegen den Ersteinstellungsvertrag, Debatten um »Generation Praktikum«, die Mayday-Proteste und vor allem eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung im Oktober zu Prekarität trugen zur Beleuchtung von Prek auf der öffentlichen Bühne bei. Räumlich zeigt sich, dass Prek vor allem als nationales Thema behandelt wird. »Der nationalstaatliche Raum wird als dominanter, beinahe als einzig relevanter räumlich-politischer Bezugsrahmen für Prek, aber auch generell für jene Themenfelder, innerhalb derer Prek verhandelt wird, bestätigt« (158). Hinsichtlich der Sprechendenposition analysiert Freudenschuss den Prek-Diskurs als Diskurs der sozialen Mitte, da Subjekte als legitimierte und legitimierende Sprecher_innen auftreten würden, die dieser Mitte und einem akademischen Milieu zugeordnet werden könnten (160). Migrant_innen spielen im Prek-Diskurs hingegen kaum eine Rolle.

Anhand der vier diskursiven Figuren entwirft sie zwei zentrale Argumentationslinien (»Fluchtlinien«), deren jeweilige Rekonstruktion in den beiden zentralen Kapiteln vorgenommen wird. Als erste (dominante) Fluchtlinie bestimmt sie »abfedern, banalisieren, legitimieren«. Als zentrale Logik dieser Linie bestimmt Freudenschuss die »Partikularisierung von Prek als Erfahrung, Situation oder Entwicklung« (183), was über die Kopplung von Prek an die drei diskursiven Figuren niedrigqualifizierte prekär Beschäftigte, hochqualifizierte Prekäre und das Prekariat als Unterschicht diskursiv funktioniert. Die Subjektfigur »Prekariat als Unterschicht« wird dabei als handlungsunfähiges Kollektivsubjekt entworfen, dem allerdings die Schuld an der entsprechenden sozialen Position gegeben wird. Hier zeigt sich, dass Prek als symbolischer Platzanweiser funktioniert, »indem die gesellschaftliche Ordnung als hierarchische Ordnung aufgerufen und das Prekariat in diese einsortiert wird« (204). Die Banalisierung sozialer Ungleichheit erfolgt über stereotypisierende Hierarchisierungen, Verräumlichungen und Abwertungen. Zugleich wird auch an ein eigenverantwortliches Subjekt appelliert, dass etwa auf gute Ernährung achtet. Indem der »Unterschicht« zugeschrieben wird, Körper und gesunde Ernährung zu vernachlässigen, findet eine Individualisierung sozialer Ungleichheit statt, wodurch Ungleichheit unartikulierbar bleibt und somit die Diskursfigur »Prekarität als Unterschicht« als »diskursive Figur der Ordnung und Stabilisierung diskursiver Verhältnisse« dient (217). Im Gegensatz dazu werden »hochqualifizierte Prekäre« als vielfältig, handlungsfähig und selbstbestimmt konstruiert. Prek wird in diesem Zusammenhang als temporäres Phänomen gezeichnet, das zwar punktuell schwierig für die Betroffenen sein kann, aber letztlich eine Übergangsphase vor dem gesellschaftlichen Aufstieg darstellt. Eine ähnliche Legitimation findet über die niedrigqualifiziert Prekären statt, bei denen hervorgehoben wird, dass sie wenigstens Arbeit hätten. Hier wird soziale Ungleichheit nicht in Frage gestellt, sondern »abgefedert und/ oder als gesellschaftliche Notwendigkeit legitimiert« (196).

Freudenschuss bettet die Fluchtlinie hegemonietheoretisch und intersektionalitätsanalytisch ein, wobei sie hier explizit nur auf Hochqualifizierte und Niedrigqualifizierte eingeht, was zwar nicht explizit begründet wird, aber daran liegen dürfte, dass sie die Thematisierung vom Kollektivsubjekt »Unterschicht« zuvor ausführlich darstellt. Die Linie interpretiert Freudenschuss als eine, die der Selbstvergewisserung der sozialen Mitte dient. Sie merkt außerdem an, dass Geschlechterverhältnisse ambivalent thematisiert werden. Zum einen finde eine Darstellung von Ungleichheiten entlang Geschlecht statt, zugleich würde aber Zweigeschlechtlichkeit mit stereotypisierenden Zuweisungen reproduziert. Insgesamt beruht das Abfedern, Banalisieren und Legitimieren auf Partikularisierung, weshalb Freudenschuss zurecht folgert, dass diese Linie nicht politisierbar ist.

Demgegenüber markiert eine andere Fluchtlinie eine neue soziale Positionierung, »die nicht individuell, sondern politisch und als soziale Frage in Angriff genommen werden muss. Gesellschaftstheoretisch und -politisch akzentuiert läuft diese Fluchtlinie auf Deutungen von Prek als sozialem Konflikt zu« (246). Prek wird entlang des »uneindeutig prekarisierten Subjekts« problematisiert, skandalisiert und politisiert. Die Subjektfigur steht für eine neue sozialstrukturelle Kategorie, anhand derer Prek sozialisiert wird. Gemeinsam ist dem Subjektentwurf die ökonomische Lage (Beschäftigungsverhältnisse, Arbeitsbedingungen, usw.). Auch wenn unterschiedliche Deutungen hinsichtlich der Ursachen für Prek ausgemacht werden, lässt sich deutlich eine entindividualisierende und vergesellschaftende Perspektive ausmachen, wenn Prek etwa als gesellschaftliche Konfliktlinie zwischen Klassen oder zwischen Generationen entwickelt wird. Freudenschuss fasst diese Linie allerdings im Verhältnis zur ersten dominanten Fluchtlinie als Ausdruck von Spuren eines gegenhegemonialen Diskurses.

In ihrem Fazit fasst sie ihr zentrales Ergebnis zusammen: Der öffentliche Prek-Diskurs ist »in weiten Teilen eine Praxis der Selbstvergewisserung im Sinne einer Bearbeitung sozialer Ungewissheiten und individuell erfahrener Unsicherheiten durch formal hochqualifizierte, sich in der gesellschaftlichen Mitte positionierende Subjekte« (294). Im Kern geht es also um die Vergewisserung einer verunsicherten gesellschaftlichen Mitte, insbesondere dem akademischen Milieu mit Momenten der (Selbst-)Disziplinierung (296). Das zeige sich vor allem in der Darstellung der hochqualifizierten Milieus: »Die Partikularisierung der Erfahrungen und Facetten von Prek produziert Deutungsangebote, die ›hochqualifizierte Prekäre‹ als gesellschaftlich zentrale, artikulations- und handlungsfähige, vor allem aber als integrierte soziale Gruppen bestätigen. Ihre Zugehörigkeit zur Mitte, ihre symbolische Positionierung im Zentrum der Gesellschaft findet sich durch die Existenz eines ›anderen‹ Prekären bestätigt. In diesen ›anderen‹ Prekären und den ›Anderen‹ dieser ›anderen‹ Prekären verdichten sich Stereotypisierungen und Abwertungen, die im Alltagswissen zahlreiche Anknüpfungspunkte finden« (297f.).

Freudenschuss bindet ihre Ergebnisse des öffentlichen Prekarisierungsdiskurses noch einmal an die Auseinandersetzung mit dem Spezialdiskurs und überträgt die Selbstvergewisserungsthese auf das Feld der Wissenschaft, wenn sie fragt, inwieweit der Spezialdiskurs als Selbstvergewisserungsbewegung verunsicherter hochqualifizierter Prekärer verstanden werden kann. Davon ausgehend appelliert sie in indirekter Weise an eine Reflexion mit der Funktionalität dieses Wissens. Abschließend bezieht sie sich auf aktuelle Kämpfe und nimmt in diesem Zusammenhang eine Politisierung gesellschaftlicher Problemstellungen wahr. Sie deutet an, dass in der Verkettung − ähnlich wie sie beim uneindeutig prekarisierten Subjekt aufkommt − eine mögliche politische Strategie liegen könnte.

Insgesamt fällt das Lesen der Arbeit vor allem in der ersten Hälfte nicht leicht, da umständlich und zuweilen redundant die einzelnen durchgeführten und die folgenden Schritte erläutert werden. Dies mag zwar an der Dissertationsform liegen, dennoch hätte eine deutlichere formale Überarbeitung dem Lesefluss gut getan. Trotz diesem kleinen Makel und den bereits angesprochenen Kritikpunkten bleibt festzuhalten: Magdalena Freudenschuss hat mit »Prekär ist wer?« eine lesenswerte Arbeit vorgelegt. Dass der Untersuchungszeitraum Mitte 2008 und damit kurz vor der Ankunft der Krise im öffentlichen Diskurs in Deutschland endet, ist keine Schwäche der Arbeit, sondern eröffnet vielmehr Perspektiven für weitere Betrachtungen, die dann in Verhältnis zu den vorliegenden Ergebnissen gesetzt werden können. Überzeugend und profund stellt sie die vorhandenen Deutungskämpfe um soziale Ungleichheit heraus und entgeht somit der theoretischen, analytischen und politischen Sackgasse, durch immer neue Untergangsszenarien und statische Betrachtungsweisen die aktuellen Dynamiken der Hegemonie aus dem Blick zu verlieren. Gerade in der Umkämpftheit, der Ambivalenz und nicht zuletzt in der Relationalität sozialer Ungleichheiten liegen die Felder der Auseinandersetzungen und damit auch der Anknüpfungspunkte für Veränderungen.

Magdalena Freudenschuss: Prekär ist wer? Der Prekarisierungsdiskurs als Arena sozialer Kämpfe. Münster 2013: Westfälisches Dampfboot.

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Erschienen in Widersprüche. Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich 34 (3). S. 129-134.