Fortschrittliche Körperbeherrschung (Rezension)

Geht es um Sport, verdrehen viele Linke die Augen. Für sie ist Sport per se Kommerz, nationalistisch und basiere auf Konkurrenzprinzipien, die von ihnen abgelehnt werden. Gegen eine solche Sichtweise wendet sich Gabriel Kuhn schon seit einiger Zeit. Der Autor ist ein Kenner der Materie. Bereits 2011 veröffentlichte er beim US-amerikanischen Verlag PM Press das Buch »Soccer vs. the State« ein flammendes Plädoyer für den Fußball. In seinem neuen Buch »Die Linke und der Sport« räumt er mit einer Reihe von Vorurteilen über den Sport auf. Behauptungen wie Sport sei Opium fürs Volk oder ein probates Propagandamittel für die politische Rechte wären zwar nicht ganz falsch, könnten jedoch nicht auf den Sport selbst zurückgeführt werden. Statt dessen müssten die Verhältnisse in den Blick genommen werden, in denen er ausgeübt wird.

Seit jeher nutzen Aktivisten, Athleten und Fans den Sport als Möglichkeit, auf ihre politischen Anliegen aufmerksam zu machen. Das belegt Kuhn mit zahlreichen Beispielen, von denen einige wohlbekannt, andere aber längst in Vergessenheit geraten sind. So hat sich das Bild der Siegerehrung des 200-Meter-Laufs der Herren bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Der erstplazierte Tommie Smith und der drittplazierte John Carlos zeigten während des Abspielens der US-Nationalhymne den Black-Power-Gruß. Weitgehend vergessen wurde hingegen, dass sich der zweitplazierte weiße Australier Peter Norman durch Tragen eines politischen Buttons mit Smith und Carlos solidarisierte. Allen drei Sportlern kostete diese politische Aktion ihre Karriere.

In einem besonders lesenswerten Kapitel setzt sich Kuhn mit der Entwicklung des Arbeitersports auseinander, der sich entschieden gegen Individualismus, Konkurrenz und Kommerzialisierung wandte. Auf der Suche nach frühen Schriften zu diesem Thema fand er das 1928 erschienene Buch »Sport und Politik« von Julius Deutsch. Der Präsident der Sozialistischen Arbeiter-Sport-Internationale wandte sich gegen den bürgerlichen Sport. Letzterer sei mit seinem hemmungslosen Egoismus, dem die Sportler verfallen würden, mit seinem »Berufsspielertum« und seiner »Rekordhascherei« letztlich »ein Ausdruck kapitalistischen Wesens« und müsse folglich vom Proletariat abgelehnt werden. Der proletarische Sport hingegen setze auf das Kollektiv, durch das Topleistungen sich zwangloser entwickeln könnten. Und nicht nur das: Deutsch betonte, dass sich Körperbeherrschung positiv auf das Selbstbewusstsein auswirken und damit eine Möglichkeit zur Befreiung von »Untertänigkeitsgefühlen« sein könne.

Das Buch erschien in einer Zeit, in der der Arbeitersport auf seinem Höhepunkt war. Mitte der 1920er Jahre hatten sich unzählige Arbeitersportvereine und -verbände etabliert. Der aufkommende Faschismus und zum Teil erbitterte Auseinandersetzungen innerhalb der Arbeiterbewegung fügtem dem Arbeitersport erheblichen Schaden zu. Dabei kam diesem für die demokratische Mobilisierung der Massen eine wichtige Funktion zu. Der Sport konnte massenhaft Menschen zusammenbringen und die Ideale der Kooperation und der Solidarität zumindest auf dem Sportfeld in die Praxis umsetzen. Die populären Wettkämpfe erreichten Menschen, die sich sonst kaum für die Sache der Arbeiter interessiert hätten und machte die Ideale des Sozialismus konkret erlebbar.

Kuhn schildert zahlreiche Beispiele für Aktionen und Kampagnen, die den Sport nach 1945 als ein Feld politischer Auseinandersetzungen begriffen. Zum Beispiel die Demokratiebewegung im brasilianischen Fußball zu Beginn der 1980er Jahre, als Spieler um den Fußballstar Sócrates den Verein Corinthians zumindest zeitweise demokratisierten. Zwei Jahre lang wurden Entscheidungen des Clubs, darunter Transfers und Trainingszeiten von Spielern, Trainern, Funktionären und Angestellten gemeinsam und gleichberechtigt entschieden. In der Bundesrepublik gab es in den 1970er Jahren einen Ewald Lienen. Er soll der DKP nahegestanden haben, äußerte sich häufig zum politischen Tagesgeschehen und gehörte zu den Initiatoren der ersten deutschen Spielergewerkschaft. Dagegen erscheinen die gegenwärtigen Selbstverwaltungsbestrebungen in Form von Vereinsgründungen und Initiativen eher blass.

Kuhn rundet seine gelungene Einführung mit prägnant formulierten Vorschlägen für ein neues Sportverständnis ab. Soziales Lernen, Solidarität, Kommunikation und nicht zuletzt Freude sollten dafür zentrale Prämissen sein.

Trotz so mancher Leerstelle, die dem Format geschuldet sind, zeigt das Buch eindrucksvoll, dass Sport nicht von linker Seite abgelehnt werden muss, sondern durchaus Potentiale in sich birgt. Konkurrenz, Nationalismus und Fremdbestimmung sind dem Sport nicht inhärent, sondern Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse, die unmittelbar auf ihn einwirken. Er ist nicht nur als ein Spiegel sozialer Verhältnisse zu verstehen, sondern kann als Möglichkeit begriffen werden, in einem fortschrittlichen Sinn in diese einzugreifen.

Gabriel Kuhn: Die Linke und der Sport. Unrast Verlag, Münster 2014, 80 Seiten, 7,80 Euro.

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Erschienen in Junge Welt, 13.11.2014.