Raus aus der Blase: Pfleger wird Politikchef

Zapp, NDR, 29.01.2019

Seit gut zwanzig Jahren arbeitet Jan Jessen bei der Neuen Ruhr Zeitung (NRZ) in Essen. Heute ist er Politik-Chef – obwohl er nicht studiert hat und einst als Quereinsteiger zur NRZ kam.

Vom Punk zum Politik-Chef

Vor zwanzig Jahren sind Jan Jessen Redaktionsräume und die Welt des Journalismus völlig fremd. Er treibt sich an anderen Orten herum: Jessen singt in einer Punk-Band, wohnt in besetzten Häusern, arbeitet als Krankenpfleger. Es ist einem Zufall zu verdanken, dass der 46-Jährige überhaupt Journalist geworden ist. Als er gerade wieder von einer WG in eine andere zieht, fällt ihm ein Bücherkarton auf die Straße. Hinter ihm lacht ein Mann laut auf. Beide keifen sich an - und entschuldigen sich kurz darauf beieinander. Der Mann ist Redakteur bei der NRZ und drückt Jessen seine Karte in die Hand. Als Jessen die Visitenkarte zwei Jahre später wieder in Hand fällt, besucht er die Redaktion - und bekommt das Angebot, sich nebenbei ein bisschen Geld als freier Lokal-Autor hinzuzuverdienen. Es folgt ein Volontariat und die Anstellung als Redakteur. Vor knapp zehn Jahren übernimmt er die Verantwortung über das Politik-Ressort bei der NRZ.

Erfahrungen jenseits des Journalismus

Mit den Menschen reden: Bei der Diskussion um Sterbehilfe ermöglichte Jan Jessen seine Ausbildung zum Pfleger einen anderen Blickwinkel.

Seine Erfahrungen aus der Punk-Zeit kommen Jessen als Journalist zugute: Er kennt einige Suchtkranke in der Szene, was ihm den Zugang bei Sozialreportagen erleichtert, sagt er. Hinzu kommt seine berufliche Vergangenheit. Er ist ausgebildeter Krankenpfleger, hat sechs Jahre in dem Beruf gearbeitet - und dabei auch Sterbende begleitet. Als vor einigen Jahren heftig über Sterbehilfe diskutiert wird, holt Jessen nicht nur weitere Stellungnahmen von Verbänden und Experten ein, sondern geht ins Hospiz, um mit Sterbenden über ihre Sicht auf die Debatte zu sprechen.  

Kritik an Akademisierung

Jessen wünscht sich mehr Praktiker in den Redaktionen, Journalismus sei sehr kopflastig geworden. "Ich glaube schon, dass wir die Welt immer häufiger aus einer Blase heraus begutachten, analysieren, kommentieren", bemängelt Jessen. Er beschreibt ein Phänomen, das auch in der Soziologie immer häufiger Thema ist: die Gefahr, dass sich Journalismus entkoppelt von Teilen der Gesellschaft. Darauf deutet auch eine Studie der Soziologin Klarissa Lueg aus dem Jahr 2012 hin. Gut zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler der wichtigsten Journalistenschulen stammt demnach aus einem gehobenen Elternhaus, ihre Eltern sind Akademiker in leitender Position.

Die soziale Zusammensetzung der Redaktionen habe Auswirkungen auf die Berichterstattung, schreibt der Elitenforscher Michael Hartmann in seinem neuesten Buch "Die Abgehobenen": "Das entscheidende Problem in der Berichterstattung sind deshalb nicht eine bewusst verfälschte Darstellung oder böser Wille, sondern der durch die eigene Situation und Herkunft verengte Blickwinkel", so Hartmann.

"Journalismus soll sich öffnen"

Jessen pflichtet ihm bei. "Ich sehe die große Gefahr, dass wir noch über Leute berichten, aber nicht mehr mit den Leuten unterwegs sind." Es brauche mehr Menschen in den Redaktionen mit praktischer Lebenserfahrung, es brauche eine bessere soziale Mischung. Für Jessen ist die soziale Öffnung überlebenswichtig für die Branche - gerade in Zeiten, in denen Medien bei Teilen der Bevölkerung an Vertrauen verlieren.