Wie tief stecke Kalbitz im braunen Sumpf?

Kontraste, Das Erste, 05.09.2019

Brandenburgs AfD-Chef Andreas Kalbitz streitet bis heute eine rechtsextreme Vergangenheit ab. Doch widersprüchliche Angaben in seinem Lebenslauf werfen neue Fragen auf.

AfD-Spitzenkandidat Neue Vorwürfe gegen Kalbitz

Bei der Wahl in Brandenburg hat die AfD 23,5 Prozent geholt - mit dem Spitzenkandidaten Andreas Kalbitz. Der steht immer wieder in der Kritik wegen seiner Vergangenheit. Nun gibt es laut Kontraste neue Vorwürfe.

Von Sebastian Friedrich, Kaveh Kooroshy, Lisa Wandt und Marcus Weller, RBB

Am Tag nach der Landtagswahl tritt Wahlsieger Andreas Kalbitz mit der Bundes-AfD vor die Hauptstadtpresse. Die Stimmung ist gut, wären da nicht die immer wiederkehrenden Fragen nach seiner politischen Vergangenheit. Als ihn ein Kontraste-Reporter nach seiner "rechtsextremen Gesinnung" befragt und wann er sich von dieser abgewendet haben will, reagiert Kalbitz sichtlich genervt: "Ich habe keine rechtsextreme Biografie, ich war lange Jahre in der Jungen Union und der CSU, ich habe zwölf Jahre Dienst als Soldat geleistet für dieses Land, habe einen Eid geleistet und mehr Einsatz für die Demokratie gebracht praktisch als viele andere."

Verschiedene Details aus seiner Biografie lassen allerdings Zweifel aufkommen, dass Kalbitz ein aufrechter Demokrat ist. Erst kürzlich enthüllte "Der Spiegel", dass er 2007 bei einem Neonazi-Aufmarsch in Athen gewesen war - wohl als Teil einer Reisegruppe, die nach Kontraste-Recherchen der damalige NPD-Funktionär Jens P. organisiert hatte. P. war mit dem späteren NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben im Jahr 1996 auf einem Hess-Gedenkmarsch in Worms. Auch Beate Zschäpe und Uwe Mundlos waren damals dabei.

Braune Reisegruppe

Unter den anderen Teilnehmern der Athen-Reise waren bundesweit bekannte Neonazis wie der damalige NPD-Chef Udo Voigt, der NPD-Funktionär Alexander Neidlein oder Henrik O., der zur militanten Hooligan-Szene in Bremen gezählt wird.

Auf "Spiegel"-Anfrage bestätigte Kalbitz, in Athen gewesen zu sein. Im Nachhinein will ihm der Marsch aber nicht gefallen haben. In der Bundespressekonferenz am Montag sagt er dazu: "In der Sache war ich, ich kann das gerne nochmal deutlich sagen, weder an der Hissung von irgendwelchen Fahnen beteiligt, noch gehöre ich zu irgendwelchen NPD-Zirkeln, das ist Fakt. Der Rest ist Fake."

"Keinerlei Berührungsängste"

Für den Rechtsextremismus-Experten Gideon Botsch vom Potsdamer Moses-Mendelsohn-Zentrum steht dagegen fest: "Wer zu einem Neonazi-Aufmarsch fährt und daran teilnimmt, weiß, mit wem er es dort zu tun hat und hat keinerlei Berührungsängste mit Rechtsextremen."

Vergangenes Jahr hatte Kontraste bereits aufgedeckt, dass Kalbitz 2007 an einem Pfingstlager der "Heimattreuen Deutschen Jugend" teilgenommen hatte, einer Organisation in der Tradition der Hitler-Jugend. Die HDJ wurde später verboten, wegen ihrer Wesensverwandtschaft zum Nationalsozialismus.

Auf weiteren HDJ-Lagern will Kalbitz nicht gewesen sein, erklärte er kürzlich gegenüber dem "Tagesspiegel". Doch bereits 1993 war Kalbitz offenbar bei einem Camp der Vereinigung "Die Heimattreue Jugend", die sich später in "Heimattreue Deutsche Jugend" umbenannte. Das zeigt eine Verfassungsschutz-Akte, die Kontraste vorliegt.

Bücher über Leugnung des Holocaust?

Kontraste-Reporter konnten einen weiteren Camp-Besucher ausfindig machen. Dietwald Claus, der aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen ist und heute in Nordamerika lebt, behauptet, Kalbitz sei ihm "ein Begriff geblieben, weil er sehr bemerkbar war während des Sommerlagers damals 1993. Er war ein Scharfmacher. Und hat für uns dann auch seinen Kofferraum geöffnet und gezeigt, was er so alles Tolles drin hat. Erstmal eine Reichskriegsflagge, dann antisemitische Literatur, die übliche Holocaust-Leugnungsliteratur, also 'Leuchter-Bericht' und solche Dinge."

Diese Behauptung weist Kalbitz auf eine schriftliche Anfrage von Kontraste als komplett falsch zurück. Als ein Kontraste-Reporter ihm die Verfassungsschutz-Akte zeigt, bestreitet er seine Teilnahme an dem Lager aber nicht. "Ich schließ das nicht aus, aber das ist 26 Jahre her, das ist ein alter Hut", sagt Kalbitz. Das sei aber kein Beweis für eine rechtsextreme Vergangenheit.

"Politische Biographie eindeutig rechtsextrem"

Rechtsextremismus-Experte Botsch sieht das anders: "Wenn man sich die politische Biographie von Kalbitz anguckt, dann ist sie eindeutig rechtsextrem. Es kommt bei ihm immer nur scheibchenweise heraus. Es ist an Andreas Kalbitz, seine komplette rechtsextreme Vergangenheit offenzulegen."