Buch: Lexikon der Leistungsgesllschaft (Edition Assemblage 2016)

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Sebastian Friedrich
Lexikon der Leistungsgesellschaft
Wie der Neoliberalismus unseren Alltag prägt
Mit Fotos von Johanna Bröse und einem Vorwort von Oliver Nachtwey
Taschenbuch 110x180mm
96 Seiten, 7.80 Euro
ISBN 978-3-96042-001-9
Edition Assemblage, Münster
Oktober 2016

 

 

Der Streifzug durch alltägliche Begriffe der »Leistungsgesellschaft« erkundet die vorherrschende Ideologie des flexiblen Kapitalismus: den Neoliberalismus. Er ist weit mehr als ein wirtschafts- und sozialpolitischer Ansatz. Die neoliberale Ideologie prägt unsere Persönlichkeit, unser Denken, unser Handeln. Während wir Sport treiben, wir über unseren Arbeitgeber sprechen, als sei er unser bester Freund, wir in Dating-Portalen nach der Liebe fürs Leben oder dem schnellen Sex suchen, wir unser 70er Jahre-Rennrad das Altbau-Treppenhaus hochtragen, wir herzhaft über die Prolls in der Eckkneipe lachen, wir uns über unsere aktuellen Prokrastinationserfahrungen austauschen, wir mit einem coffee to go bewaffnet im Stechschritt durch die Stadt marschieren, wir lustige ironisch-geistreiche Anmerkungen machen, wir uns wieder nicht entscheiden können und wir am Ende des Tages einmal mehr versucht haben, das zu verdrängen, was längst Gewissheit geworden ist: dass es so nicht weitergehen kann. … Mehr lesen

Raus aus der eigenen Blase

Sahra Wagenknecht hat es schon wieder getan. Das dürften viele Linke gedacht haben, als Anfang Oktober ein gemeinsames Interview mit der AfD-Chefin Frauke Petry in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) erschien. Wagenknecht hat in diesem Jahr mehrmals für Ärger unter Linken gesorgt, etwa als sie nach der Silvesternacht von Köln vom verwirkten »Gastrecht« und mit Bezug auf die Flüchtlingszahlen von »Kapazitätsgrenzen« sprach oder als sie nach dem Anschlag von Ansbach eine mangelnde Handlungsfähigkeit der Sicherheitsbehörden suggerierte. Vor diesem Hintergrund fühlten sich viele linke Wagenknecht-Kritiker_innen in ihrer Einschätzung bestätigt, sie würde am rechten Rand fischen. … Mehr lesen

Wer sind »die da unten«?: Christian Baron ist entsetzt über linke Vorurteile gegenüber Arbeitern

In diesem Sommer ist die Diskussion um die »kleinen Leuten« neu entfacht. Die einen stellen mit Bedauern fest, was die anderen mit teilnahmslosem Achselzucken quittieren: Die gesellschaftliche Linke hat sich seit langem von der Arbeiterklasse entfernt. Von dieser Entfremdung handelt auch das Buch von Christian Baron. … Mehr lesen

Union und SPD treiben die AfD vor sich her: Ein Jahr nach dem »Sommer der Migration« profitiert vor allem die AfD

Es ist ein Jahr her, als Angela Merkel ihren Leitsatz »Wir schaffen das« formulierte. Wenige Tage später betonte sie: Es sei nicht ihr Land, »wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen«. Es war die Hochphase des Willkommenspatriotismus. Für einen kurzen Moment schien es, als habe der neue, freundliche, bunte Standortnationalismus den alten, griesgrämigen, autochthonen Nationalismus in die Schranken gewiesen.

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Schreiben gegen die Entmenschlichung: Sharon Dodua Otoo über Rassismus und den deutschen Literaturbetrieb (Interview)

Die Schwarze britische Autorin und Aktivistin Sharon Dodua Otoo gewann Anfang Juli in Klagenfurt den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis. Wir sprachen mit ihr über die Entwicklung des Rassismus in Deutschland und Großbritannien, den elitären Literaturbetrieb und ihr Selbstverständnis als Aktivistin und Autorin. … Mehr lesen

Chefsache AfD: Der Kontakt zwischen AfD und »mittelständischen Unternehmen« wird wieder enger

Die Diskussion um die Klassenbasis der AfD verengt sich häufig auf die Frage, wer die Partei wählt. Weithin unbeachtet bleibt dabei, dass das rechte Projekt auch Kapitalfraktionen hinter sich vereinen möchte. Entgegen den Verlautbarungen, eine Partei »der kleinen Leute« zu sein, orientieren Petry, Meuthen und Co. programmatisch auf Teile der Wirtschaft. So vertritt die AfD ein im Kern neoliberales Wirtschafts- und Sozialprogramm, spricht sich etwa für Liberalisierungen, Deregulierungen und für Steuererleichterungen für Besserverdienende aus. Auch nachdem die wirtschaftsnahen Vertreter Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel der Partei den Rücken gekehrt haben, tummeln sich vor allem auf kommunaler Ebene weiterhin Unternehmer_innen in der AfD. Laut dem Magazin WirtschaftsWoche ist die Mitgliederzahl des AfD-Mittelstandsforums nach der Spaltung im Juli 2015 stabil geblieben. Auch namhafte Unternehmer, die noch zu Lucke-Zeiten sich öffentlich zur AfD bekannten, fühlen sich weiterhin der Partei verbunden.

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Zeigen was ist: In Berlin schloss Milo Rau mit dem Stück »Empire« seine Europa-Trilogie ab

Alle lachen herzlich, als Akillas, ein sympathischer Grieche um die 60, erzählt, wie er als Siebenjähriger von seiner Mutter beim Onanieren erwischt wurde. Es ist ein geselliger Abend am Küchentisch: Akillas, Rami, Maia und Ramo tauschen Erlebnisse aus der Kindheit aus, schöne und schreckliche. Je später der Abend, desto schwermütiger. Irgendwann klickt der Syrer Rami durch Dutzende Leichenbilder. Fotos ermordeter Menschen aus den Folterkellern Assads. Anfänglich kommentiert er noch die Bilder, irgendwann blickt er nur noch stumm auf die Leichen. Rami musste aus Syrien fliehen, arbeitete dann in Paris bei einem syrischen Exilradio. Im Zuge der Suche nach seinem verschollenen Bruder stieß er auf die Website eines Überläufers des Assad-Regimes, der 12.000 Bilder gefolterter und ermordeter Menschen veröffentlichte. Er hat sich jedes einzelne Bild angesehen – in der der Hoffnung, seinen Bruder zu finden, damit er endlich abschließen, Abschied nehmen kann. Während wir entsetzt auf ein weiteres Bild starren, stoppt er kurz, dreht seinen Kopf in unsere Richtung. Stille. … Mehr lesen

Das Märchen vom bösen Armen: Die Soziologin Britta Steinwachs lüftet den ideologischen Schleier des Privatfernsehens

Wer heute den Fernseher einschaltet, kann ziemlich sicher sein, dass es in den Sendungen des Nachmittagsprogramms auch um die sogenannte Unterschicht geht. Verhandelt wird das Leben der Arbeiterklasse heute vor allem in sogenannten Scripted-Reality-Formaten. Das sind kostengünstig produzierte Sendungen, die zwar aussehen wie eine Dokumentation, aber komplett fiktional sind. Welches Wissen diese Serien aufgreifen und reproduzieren, fragt sich die Soziologin Britta Steinwachs in ihrem Buch »Zwischen Pommesbude und Muskelbank. Die mediale Inszenierung der Unterschicht«. Sie hat sich mit »Familien im Brennpunkt« (RTL) eine der geskripteten Fernsehsendungen genau angeschaut und analysiert zwei Folgen vor dem Hintergrund der seit mehr als zehn Jahre laufenden Diskussion um eine »Neue Unterschicht«. … Mehr lesen

Hartz IV und der Ruf des Muezzins. Oliver Nachtweys neues Buch hilft, das reaktionäre Unbehagen der »Abstiegsgesellschaft« zu verstehen

Es war eine lange Diskussion. Stundenlang diskutierten ein Mann um die 60 und ich in einer Kneipe in Ostdeutschland. Es ging um die DDR, die Wende – und um den Kapitalismus. Nach einer Tonne Zigaretten und ein paar Getränken zu viel kamen wir auf die einstige Schröder-Fischer-Regierung zu sprechen. Wir schienen uns zunächst einig in der Ablehnung, doch dann sagte mein Gegenüber: »Rotgrün hat uns nichts Gutes gebracht, dafür Hartz IV und Muslime.« Er wolle in seiner Kleinstadt keine Minarette und keinen rufenden Muezzin, gab er mir mit besorgter Miene zu verstehen. Es entbrannte ein Streit, in Zuge dessen mein Gesprächspartner Sympathien für PEGIDA und die AfD offenbarte. Gut möglich, dass viele derjenigen, die momentan gegen Flüchtlingsunterkünfte, Angela Merkel und für das Abendland marschieren, ähnliches über Rotgrün denken – und eine ähnliche Verbindung herstellen. Doch was hat der neoliberale Sozialstaatsabbau mit der Sichtbarkeit von Minderheiten zu tun?Von der Kritik an Rotgrün abstrahiert und von der spezifischen DDR- und Wendeerfahrung abgesehen, hilft das Buch »Die Abstiegsgesellschaft«, den Streitauslöser besser zu verstehen. Darin stellt sich der Soziologe Oliver Nachtwey die Frage, in was für einer Gesellschaft wir eigentlich leben. Seine Antwort: Trotz sinkender Arbeitslosigkeit, trotz einer florierenden Wirtschaft blicken die Menschen keineswegs optimistisch in die Zukunft. Im Gegenteil: Aus einer Gesellschaft des sozialen Aufstiegsversprechens wurde die des realen Abstiegs. … Mehr lesen